29.04.2019

Interview mit dem Social Business "Cacao de Paz"

Leonie Matt

Nachhaltiger Kakao-Anbau in Kolumbien

xStarters: Wie seid ihr auf Kakao bzw. Schokolade gekommen?

Sina: In der Konstellation zu viert haben wir schon im Rahmen einiger Projekte zusammengearbeitet. Als Designerinnen haben wir allerdings keine Anknüpfungspunkte zu Schokolade. Das änderte sich, als ein pensionierter Agrarethiker, Dr. Uwe Meier, auf uns zukam, um eine Beratungsleistung anzufordern:

Er hat jemanden gesucht, der eine Marke aufbauen kann. Er hatte die Idee, ein Produkt zu entwickeln, dass einen Beitrag zum Frieden in Kolumbien leistet – hier ist er im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit häufig unterwegs gewesen und kannte die Umstände im Land sehr gut.

Seine Idee mit „Cacao de Paz“, dem Friedenskakao, beinhaltet folgendes: Mit Kleinbauern aus Kolumbien auf Augenhöhe kooperieren, damit diese ein festes Einkommen haben und aus der gefährlichen Gewaltspirale des Koka-Anbaus rauskommen.

Einen Anbau von Kakao der darüber hinaus Frieden zwischen Mensch, Tier und Natur gewährleistet. Und gleichzeitig in Deutschland ein fair gehandeltes qualitativ hochwertiges Produkt verkaufen. Er war auf der Suche nach jemandem, der ihm nicht nur sagt, wie man eine Marke aufbaut und ein Produkt vertreibt, sondern gleichzeig auch die Geschichte erzählt, die hinter dem Friedensprodukt Kakao und somit auch Schokolade steht.

Kristof: Es geht nicht mal unbedingt darum, den Anbau von Kakao in Kolumbien zu verbessern, es geht überhaupt erstmal darum, es den Kolumbianern zu ermöglichen, Kakao statt illegale Pflanzungen anzubauen.

Aus einer wirtschaftlichen Not heraus haben viele Kleinbauern Koka angebaut und sind damit automatisch in den Strudel der Gewalt hineingeraten. Dem können sich die Kleinbauern entziehen, indem sie Kakao statt Koka anpflanzen:

Hierfür brauchen sie jedoch verlässliche Abnehmer. Und da kommen wir ins Spiel.

Infobox

Die Situation in Kolumbien

 

In Kolumbien neigt sich ein halbes Jahrhundert Bürgerkrieg dem Ende zu. Viele Kleinbauern des Landes sind seit Jahrzehnten in einer Spirale der Gewalt gefangen, die für sie um den Anbau von Koka kreist.

Ein Weg, um ein friedliches Leben für sich und ihre Familien zu erreichen, ist der Umstieg auf den Kakaoanbau. Ohne Guerillas, Drogenkartelle und Paramilitärs.

 

Wie aus der Idee ein innovatives Projekt wurde

xStarters: Ihr möchtet die Welt ein kleines bisschen besser machen – ähnlich ist es bei xStarters. Was bewegt euch dazu?

Sarah: Uns moviert, dass wir unser theoretisches Wissen, das wir uns alle über einen langen Zeitraum angeeignet haben, mit Cacao de Paz praktisch anwenden können. Hauptberuflich sind wir Designer, nebenberuflich Social Business Unternehmer - das haben wir uns, ehrlich gesagt, auch leichter vorgestellt (lacht).

Marie: Gesellschaft in irgendeiner Art und Weise mitzugestalten hat uns alle schon immer – persönlich und in Projekten bei der Arbeit – beschäftigt.

Kristof: Ich war 2017 mit Uwe in Kolumbien. Wir haben uns die Situation vor Ort angeschaut und die Kooperationspartner besucht. Zu sehen, dass unsere Arbeit einen positiven Einfluss nimmt, ist movierend. Außerdem lernen wir durch dieses Projekt unglaublich viel. Und wir haben immer gute Schokolade zu Hause (lacht).

xStarters: Wie ging es dann weiter?

Sarah: Uwe wollte von uns erfahren, wie man eine Marke aufbaut und Marketing betreibt. Aus diesem Grund kam er auf uns zu. Wir haben dann erstmal eine Marktanalyse gemacht, ein ziemlich klassisches Vorgehen. Wir haben mit vielen Leuten gesprochen und haben viel ausprobiert.

Währenddessen merkten wir: Wir waren immer begeisterter von der Idee. Irgendwann fragten wir uns: Wollen wir das Produkt nicht gemeinsam machen und größer denken? Gesagt, getan.

xStarters: Wie seid ihr von der Idee des Friedenskakaos zu den Produkten gelangt, die ihr heute verkauft?

Sina: Wir hatten viele Ideen, die über das klassische Produkt hinausgehen. Am Ende lief es jedoch auf eine klassische Tafel Schokolade hinaus – da sind wir beim Thema Machbarkeit. Die Tafel in eine andere Form zu gießen, ist eine Investition, die 3.000 bis 4.000 Euro kostet und die nicht unbedingt notwendig ist.

Auch die sieben Geschmacksrichtungen, die wir spannend fanden, konnten wir uns erstmal nicht leisten. Auch die Überlegung, Abomodelle abzuschließen oder eine Patenschaft für eine Pflanze zu übernehmen, wurden diskutiert. Wir waren erstmal froh, dass wir den Kakao überhaupt hierherbekommen haben.

Kristof: Da haben wir schnell gemerkt: Ein Konzept zu entwickeln ist viel einfacher, als es tatsächlich umzusetzen. Wir haben uns auch bewusst dagegen entschieden, einen Investor dazu zu holen. Uns war wichtig, dass wir alles mitkontrollieren können.

Kakao am Baum kurz vor der Ernte
Kakao vor der Ernte am Baum

xStarters: Im November 2017 war es dann soweit: Die erste Cacao de Paz Schokolade wurde gelauncht!

Sina: Genau. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, zu starten, bevor wir uns in Konzepten und Denkprozessen verheddern. Was für die Sowareentwicklung das normalste der Welt ist, nämlich mit einer Beta-Version rauszugehen, war dann auch unser Ansatz.

Nur an dem Produkt der Schokolade sollte es auch in der Beta-Version keine Abstriche geben. Ansonsten gibt es viele Punkte, in denen wir uns noch weiter verbessern wollen..

xStarters: Wie sah der weitere Herstellungsprozess aus?

Sarah: Beispielsweise bei der Verpackung haben wir uns gefragt: Was passt zu dem Konzept der Firma? Die Schokolade wird bei der Lebenshilfe in Braunschweig handverpackt, gelagert und versendet. Das war eine Lösung, die zum einen zu der Marke passt aber auch einfach praktisch ist.

Denn für größere Verpackungsbetriebe ist unsere relativ kleine Stückzahl nicht interessant – die schmeißen dafür nicht ihre Maschinen an.

Kristof: Auch in der Verarbeitung, der Schokoladenherstellung, gestaltet es sich so: Wir haben mit 300 Kilogramm Rohkakao gestartet. Ein kleinerer, regionaler Schokoladenhersteller meinte zu uns, dass wir uns bei ihnen melden können, wenn wir einen Container Rohkakao verarbeiten möchten: Das sind 20 Tonnen. Vorher ist das für die Hersteller nicht interessant.

Sina: Und was bedeutet das für den Kooperationspartner? Viele Kleinbauern haben keine Möglichkeit mit Schokoladenherstellern zusammenzuarbeiten – aufgrund der großen geforderten Mengen.

xStarters: Und wo wird der Rohstoff Kakao zu Schokoladentafeln verarbeitet?

Sina: Wir lassen die Schokolade in einer Manufaktur im Spreewald nach alter Handwerkskunst herstellen – ein weiterer Aspekt, der die Wertigkeit des Produkts verdeutlicht. Der Kakao wird 48 Stunden steingewalzt.

Das benötigt natürlich mehr Zeit und dieser Mehraufwand zeigt sich entsprechend auch im Preis der Schokolade. Viele wundern sich dann: Warum ist eure Schokolade so teuer?

xStarters: Und was antwortet ihr auf diese Frage?

Sarah: Die Frage, die wir uns selbst stellen, ist: Was verkaufen wir eigentlich? Ist es Schokolade oder Frieden? Das ist nicht eindeutig zu beantworten und deshalb sind die klassischen Vertriebskanäle nicht passend. Ob die Leute die Schokolade aufgrund der Qualität kaufen und weil sie erkennen, dass es sich um ein gutes Produkt handelt oder weil sie die Menschen in Kolumbien unterstützen möchten, macht für uns keinen Unterschied.

Was für uns nicht funktioniert: Spenden einsammeln und dann entscheiden, wie wir die finanziellen Mittel einsetzen, um die Menschen in Kolumbien zu unterstützen – sie wissen selbst am besten, was sie mit dem Geld machen. Wir sind nicht in der Position, das zu entscheiden. Wir möchten stattdessen auf Augenhöhe mit ihnen handeln.

Marie: Man muss viele Informationen vermitteln, damit das ankommt. Ich glaube, das ist ein längerer Prozess. Aber ich denke schon, dass das Bewusstsein dafür sich in den letzten Jahren schon verändert hat – z.B. wenn man auf die Kaffeebranche schaut wo ein Wandel bereits stattgefunden hat. Wir haben auch darüber diskutiert, ob wir nicht gewisse Leute von unserem Produkt ausschließen, weil sie sich so eine Schokolade einfach nicht leisten können…

Sina: …Wobei man auch darauf antworten kann: Auf den ersten Blick scheint es so. Wenn man jedoch genauer hinschaut, fällt auf: Die günstige Tafel konsumieren viele ganz anders, nämlich schneller und unbewusster. Wohingegen die teurere Schokolade den Verbraucher zu einem anderen Konsum anhält: Man genießt mehr, isst vielleicht nur ein Stück und hat länger etwas davon.

Kakaofrucht zu Schokolade
Kakaofurcht vom Baum als Endprodukt zu Schokolade verarbeitet

xStarters: Was war das größte Learning bei eurer Arbeit bisher?

Sina: Im September letzten Jahres haben wir ein Crowdfunding gemacht – das war für uns ein guter Weg, um das Produkt und alles, was dahintersteht, zu kommunizieren. Es bietet sehr viele Möglichkeiten für Storytelling. Aber es war auch eine echte Herausforderung!

Kristof: Die Schwierigkeit lag in der Organisaon der Kommunikation: Auf ziemlich kurzer Zeit sehr präsent auf mehreren Kanälen zu sein– und das alles nebenbei.

xStarters: Wie arbeitet ihr im Team zusammen?

Marie: Mit fünf Personen ist es natürlich nicht ganz einfach, sich abzustimmen. Das fängt schon damit an, dass wir nicht immer alle zur gleichen Zeit verfügbarsind.

Kristof: Wir haben Rollen verteilt. Wir treffen uns regelmäßig, haben eine Slackgruppe, wo wir Daten und Kalendertermine einfach miteinander teilen können. Ansonsten kommen wir aber auch anlassbezogen zusammen, je nachdem, was gerade ansteht. Jeder entscheidet selbst, wie viel Zeit er aufbringen kann. In etwa sind es zehn Stunden, die jeder von uns in der Woche für Cacao de Paz investiert. Zeitweise ist es allerdings auch mal Vollzeit.

xStarters: Wie helfen euch digitale Möglichkeiten, euer Produkt voranzubringen?

Kristof: Für uns ist es der Kommunikationsweg schlechthin. Wir verkaufen Schokolade, ein ziemlich analoges Produkt. Aber nur durch digitale Tools können wir unsere Ziele erreichen: Zum Beispiel nur mit der Crowdfunding-Kampagne konnten wir erst unsere Geschichte zu der Schokolade erzählen und ohne die Story hätte es nicht funktioniert. Außerdem haben wir einen Online-Shop und eine Website…

Sarah: Außerdem könnten wir ohne soziale Medien gar nicht in so einem engen Austausch mit unseren Kooperationspartnern stehen. Wir haben unsere Kooperationspartner sogar über Facebook gefunden! So entsteht das Gefühl, sich nah zu sein.

Und ich glaube auch, dass sich mit dem Internet der Dinge viele Möglichkeiten ergeben werden – auch für vermeintlich analoge Produkte: Vielleicht ist es in Zukunft möglich, dass wir die Schokoladentafel im 3D-Drucker herstellen?

Cacao de paz Schokolade
Das verpackte Endprodukt: Feinste Schokolade


xStarters: Was für Eigenschaften sollte man mitbringen, um ein Social Business aufzubauen?

Kristof: Es muss klar sein, dass „Geld verdienen“ nicht die Hauptmotivation sein kann. Eine Eigenschaft ist die intrinsische Motivation. Es ist kein 9 to 5 Job.

Sarah: Man sollte auch nicht warten, bis man das Gefühl hat, man ist mit der perfekten Idee am Start. Stattdessen ist es wichtig, das zu erzählen, was man vorhat. Man braucht keine Angst vor Konkurrenz zu haben oder davor, dass einem etwas weggenommen werden könnte.

Kristof: Das Scheitern sollte durchaus mit einkalkuliert sein; nicht als Katastrophe, sondern als realistisches Szenario. Davon ausgehend kann geschaut werden: Kann ich mir das leisten?

Wir haben geschaut: Was wäre das Schlimmste, das uns passieren könnte? Wenn wir scheitern, bleiben wir auf 300 Kilogramm Schokolade sitzen. Da gibt es Schlimmeres. Wir haben nur Geld investiert, das wir nicht zum Leben brauchen. Und dann kann man auch mutig sein.

Marie: Und einen gewissen Weitblick und eine Vision sollte man mitbringen. Auch für die Motivation ist ein konkretes Ziel sehr wichtig.

xStarters: Was ist wichtiger: Idee oder Umsetzungswille?

Kristof: Eine Idee ist in den allermeisten Fällen überhaupt nichts wert. Worauf es eigentlich ankommt, ist die Umsetzung. Wahnsinnig viele Menschen haben viele Ideen und oftmals denken Leute dann: „Das war aber meine Idee!“

Wenn du die Idee aber nicht umsetzt ,dann bringt es nichts. Das heißt aber auch: Nur weil es die Idee schon gibt, heißt es nicht, dass man es nicht trotzdem machen kann. Das Argument zählt nicht. Vielleicht auf andere Art und Weise oder an einem anderen Ort, mit einer anderen Zielgruppe. Wichtig ist: Mach es auf deine Art und Weise. Hauptsache Machen.

xStarters: Was ist euer Tipp für junge Menschen, die die Welt verändern möchten?

Sarah: Ich glaube, gerade in jungen Menschen steckt jede Menge Energie. Nutzt diese und fangt einfach an!

Marie: Haltet durch und lasst euch nicht so schnell entmutigen. Die meisten Sachen brauchen mehr Zeit, als man denkt.

Kristof: Sucht euch Partner: Man kann nicht alles selbst machen. Es gibt Leute, die bestimmte Aufgaben viel besser machen können. Gleichzeitig solltet ihr euch damit beschäftigen: Was gibt es in meinem Projekt, das ich gut kann und machen möchte: Wo liegen meine Stärken?

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