12.08.2019

Interview mit Etienne von der Social Innovation Academy Uganda

Leonie Matt

 

Vor ein paar Tagen hatte ich ein ungewöhnliches Interview: Ich habe mich mit Etienne Salborn über Skype verabredet, der – gefühlt am anderen Ende der Welt – in einem Internetcafé in Uganda saß. Etienne ist im Rahmen des Zivildienstersatzes 2006 zum ersten Mal nach Uganda gereist und hat dort in einem Waisenhaus ein Jahr lang gearbeitet. Heute lebt er noch immer in dem Land und hat mittlerweile die Social Innovation Academy (SINA) etabliert. Was genau dahinter steckt und was ihn dazu antreibt, das habe ich ihn im Gespräch gefragt.

Etienne und das SINA Logo

xStarters: Hi Etienne, wie bist du eigentlich nach Uganda gekommen?

Etienne: 2006 arbeitete ich als Alternative zum Zivildiensteinsatz in einem Waisenhaus in einem Dorf in Uganda. Dort wurden die Kinder mit dem Nötigsten versorgt. Sie konnten auch die Grundschule im Dorf besuchen. Nach der Grundschule jedoch konnten die Kinder nicht weiter zur Schule gehen und landeten auf der Straße. Für eine weitere Schulbildung auf der Oberschule fehlen dem Waisenhaus die finanziellen Mittel. Aus diesem Grund habe ich Freunde in Deutschland um finanzielle Hilfe gebeten. Das war der Grundstein für den 2009 gegründeten gemeinnützigen Verein „Jangu e.V.“, eine Bildungspatenschaft, mit der Kinder und Jugendliche nach Ende des Waisenhauses unterstützt werden, bis sie auf eigenen Beinen stehen.
 

xStarters: Wie kam es dann zur Social Innovation Academy?

Etienne: Als 2013 die ersten Schüler die Highschool erfolgreich beendeten, konnten sie aufgrund teurer Studiengebühren weder studieren noch – aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit – einen Job finden. Die Academy geht das Problem der fehlenden Bildung und der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit an, indem es einen Raum für Jugendliche schafft, wo sie - statt nach nicht vorhandenen Arbeitsplätzen zu suchen - sich selbst ihre Arbeitsplätze schaffen. In Teams arbeiten sie an kreativen Ideen bis hin zur Gründung von eigenen Sozialunternehmen. Dabei gibt es mehr Bewerber, als Plätze. Bei der Auswahl ist jedoch nicht der Bildungs- oder familiäre Hintergrund relevant, sondern vielmehr die Motivation der jungen Menschen. Heute besteht SINA aus verschiedenen Communities, die bis zu 70 Teilnehmende umfassen, die sich selbst organisieren und eigene Lösungen entwickeln. Seit 2016 wurde SINA auch in einem Geflüchteten-Lager des Landes etabliert.

xStarters: Fällt es den Teilnehmenden der Academy schwer, Probleme zu identifizieren und hast du Tipps, wie man Probleme identifizieren kann?

Etienne: Anders als in Deutschland gibt es in Uganda an jeder Ecke Probleme und Herausforderungen, die jedoch auch Möglichkeiten für Sozialunternehmen bieten und Probleme durch unternehmerische Tätigkeit nachhaltig lösen können. Viele Teilnehmer beschäftigen sich zudem mit Herausforderungen, denen sie in ihrem Leben selbst einmal gegenüberstanden. Ich habe gesehen was für eine Kraft es haben kann, wenn Menschen Probleme lösen, die sie selbst erfahren und darauf aufbauend ein Sozialunternehmen gründen. Ein tiefes Verständnis ist extrem wichtig, dieses kann jedoch auch gewonnen werden, indem man mit der Zielgruppe eng arbeitet oder sich unter ihnen Mitgründer finden. Es sollte also nicht mit einer Idee begonnen werden, sondern mit einem Problem. Lösungsansätze kann es dann viele geben und in kurzer Zeit mit wenig Geld durch viele Experimente herausgefunden werden, was funktioniert.

Landschaft Uganda

 

xStarters: Was für Möglichkeiten habt ihr, die einzelnen Communities zu verknüpfen, sodass diese voneinander lernen oder bestenfalls auch profitieren können?

Etienne: Das SINA Konzept lebt von Selbstorganisierung. Die Mitglieder der Communities übernehmen Verantwortung und leiten sie selbst. Es gibt keine Angestellten und durch die tägliche Arbeit werden die Erfahrungen und Fähigkeiten praktisch erlernt, die auch für das Gründen und Leiten eines eigenen Unternehmens notwendig sind. Momentan sind wir dabei eine Art „Community der Communities“ zu entwickeln, indem jede einzelne Community zur Weiterentwicklung des gesamten Konzeptes beiträgt und sich gegenseitig unterstützt wird. Neue Teams haben sich formiert, die jeweils eigenständige SINA Communities auch in Kenia, Zimbabwe und dem Kongo aufbauen werden.
Gemeinsam möchten wir viele Menschen und besonders Geflüchtete inspirieren, sich selbst zu organisieren und Lösungen in Form von Sozialunternehmen zu entwickeln. Es gibt viel Austausch zwischen den einzelnen Orten und durch die Diversität entstehen viele kleine Innovationen, die miteinander ausgetauscht werden und das ganze Konzept stetig verbessern.

xStarters: Was sind Beispiele, die in der Social Innovation Academy bereits entwickelt wurden?

Etienne: Viele der verfolgten Ideen haben mit Upcycling zu tun. Die Teilnehmenden selbst haben oft wenig bis keine finanziellen Möglichkeiten, aber es gibt viele Rohstoffe, die herumliegen, verschwendet werden und als Müllentsorgung vor Haustüren verbrannt werden. Teilweise wird sogar bezahlt, wenn man die Rohstoffe einsammelt. So werden in SINA z. B. Häuser aus Plastikflaschen gebaut oder Plastiktüten zu wasserdichten Schulrücksäcken verschmelzt. Ein SINA Unternehmen erfand sogar einen Bodenbelag, der hauptsächlich aus Eierschalen besteht.

Ein weiteres konkretes Produkt wurde von einer Teilnehmerin entwickelt, die als Kind selbst an Malaria erkrankte und die ich seit 2006 begleitet habe. Malaria ist in Uganda keine Seltenheit: Das Gesundheitsministerium berichtet, dass 90% der tödlichen Malaria Fälle auf Kinder aus ländlichen Regionen des Landes zurückzuführen sind. Aus diesem Grund wurde „Uganics“ entwickelt, eine Seife, mit der Touristen auf natürliche Art und Weise Moskitos und Malaria fernhalten und die an Resorts und Luxusunterkünfte vertrieben wird. Mithilfe des Gewinns können Mütter in ländlichen Gebieten ebenfalls mit der Seife versorgt werden und sich und ihre Kinder vor Malaria schützen.

Upcycling home

 

xStarters: Was sind die Herausforderungen deiner Arbeit und was sind Schwierigkeiten der Teilnehmenden?

Etienne: Die meisten Teilnehmenden haben im Bildungssystem gelernt, Befehle zu befolgen und zu tun, was andere Ihnen sagen. Das erstickt Innovation im Keim. Außerdem glauben die meisten nicht an sich. Ein Geflüchteter kann zum Beispiel den Glaubenssatz haben: „Mein Leben ist bereits gescheitert, ich werde nie etwas erreichen.“ Unsere alltägliche Schwierigkeit ist es, den Menschen dabei zu helfen, große Ziele zu setzen und mit täglichen kleinen Schritten diese zu erreichen. Ein erstes dreimonatiges Verlern-Training, dass wir „Purpose Safari“ nennen, gibt Tools an die Hand und entfaltet persönliche Potentiale. Die Teilnehmenden entdecken ihre Stärken und wie sie Probleme als Chancen transformieren können.

In unserem selbstorganisierten Konzept gibt es keine Vorgesetzten. Ich bin zwar der Gründer aber nicht der Boss. So, wie jede Person in SINA habe ich verschiedene und sich stetig ändernde Rollen. Darunter z.B. Fundraising, wo wir daran arbeiten, zu einem finanziell selbsttragfähigen Sozialunternehmen zu werden und von Spendenabhängigkeit losgelöst agieren können.

Wir glauben nicht daran, selbst an neue Standorte zu gehen und dort SINA aufzubauen. Wir möchten Menschen unterstützen, die das Konzept selbstständig anwenden möchten und ihre eigenen SINA Communities gründen. Wie wir dabei eine Art Soziale Lizenz und hohe Qualitätsstandards in jeder SINA Community entwickeln können, ist eine weitere Herausforderung im Skalierungsprozess.

xStarters: Was treibt dich ganz persönlich an?

Etienne: Mich treiben die versteckten Potentiale der jungen Menschen an. Diese begleite ich ja zum Teil seit ihrer Zeit im Waisenhaus - über mittlerweile 13 Jahre hinweg. Wenn aus ihnen selbstbewusste UnternehmerInnen werden, die zum Teil sogar Auszeichnungen von der Queen erhalten und das Leben von Tausenden durch ihre innovativen Lösungen verbessern, dann ist das auch für mich eine extreme Motivation.

xStarters: Was rätst du einem jungen Menschen, der sich gerne engagieren möchte?

Etienne: Klein anfangen und so schnell wie möglich beginnen! Nicht viel drüber nachdenken, sondern anfangen! Oft können eigene, schwierige Erfahrungen oder erlebte Herausforderungen die Grundlage für ein Sozialunternehmen bilden, die diese Probleme lösen. Sich die Welt anschauen und in anderen, sowie weniger privilegierten Umständen zu leben und zu lernen, war für mich der Ausgangspunkt, der bis zur heutigen SINA geführt hat. Ich kann daher z.B. ein freiwilliges Soziales Jahr nur wärmstens empfehlen und wir sind auch immer offen in unseren SINA Communities Freiwillige und Praktikanten aufzunehmen. Es besteht außerdem die Möglichkeit für internationale Teilnehmer an unserer Purpose Safari teilzunehmen.

Etienne Salborn

Gründer von SINA

"Gemeinsam möchten wir viele Menschen und besonders Geflüchtete inspirieren, sich selbst zu organisieren und Lösungen in Form von Sozialunternehmen zu entwickeln."

Magazin

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