12.09.2019

Interview mit GoBanyo - Waschen ist Würde

Sebastian Droschinski

Sozial & Mobil: Wir treffen GoBanyo

Hamburg zeigt sich heute mal wieder von seiner sehr hanseatischen Seite. Grau trifft grau trifft Nieselregen, dazu noch der berühmt berüchtigte Wind. So authentisch … Aber Spaß beiseite, an solchen Tagen macht man sich natürlich Gedanken über die Menschen, die weniger privilegiert sind. Die weniger Glück hatten, durch Krankheit oder eine Verkettung fataler Ereignisse auf der Straße gelandet sind. Menschen, die sich zum Herbst einen neuen Schlafplatz suchen müssen und sich auf die neue Jahreszeit einstellen. 
In der Hansestadt leben offiziell 2000 Menschen dauerhaft auf der Straße, die Dunkelziffer ist dabei wohl noch höher. GoBanyo möchte einen Teil dazu beitragen, dass diese Menschen ein wenig Menschlichkeit erfahren. Es geht dabei nicht darum, sie in ein Programm zu stecken und dann Privilegien auszuschütten, sondern darum, ihnen mit einfachen Mitteln Würde zurück zu geben. Waschen ist Würde. Es gibt ein Recht auf Hygiene. 
GoBanyo möchte deshalb im Winter 2019 ein Duschmobil auf die Straßen Hamburgs bringen. 

Waschen ist Würde

In ihrem kleinen Büro in den Rindermarkthallen treffe ich das Kernteam "GoBanyo".
Chris beschreibt seine Funktion mit einem Hauch von Ironie “Oh ja und natürlich mach ich die Abrechnungen, ich lieeebe Zahlen!”. Gülay beendet ihren Satz mit “neben Kooperationen und Kommunikation mache ich auch Social Media” und Dominik brummt beruhigend beim Reden. “Ja... ich … ich schreibe.” Die Banyos lachen. 

Obdachlos unter Palmen - Aus Stahl

Es war ursprünglich Dominiks Idee, ein Duschmobil für Obdachlose in Hamburg auf die Straße zu bringen. Er selbst lebte 11 Jahre mit Unterbrechungen auf der Straße. Machte “Platte” am Hamburger Park Fiction, einer Palmenlandschaft aus Stahl, am Hamburger Hafen, zwischen Kiez und Fischmarkt. Er versteht wie es sich anfühlt, wenn man sich entwertet fühlt, wenn man immer dreckig ist, "dann fühlst du dich nicht mehr dreckig, dann sagst du dir: Ich bin dreckig". Solche Sätze gehen unter die Haut. Diese ungeschönten Wahrheiten fanden auch den Weg in eine Crowdfunding-Kampagne, die die Umsetzung der Idee des Duschmobils ermöglichen sollte. 

Der Nervenkitzel des Crowdfundings

xStarters: Wenn ich es richtig verstanden habe, war ja eine existenzielle Säule eurer Finanzierung das Crowdfunding. Ganz ehrlich, Hand aufs Herz, wie oft habt ihr in der Zeit den Browser aktualisiert? Wie habt ihr die Zeit wahrgenommen?

Gülay Ulas: Natürlich wird man irgendwann nervös. Besonders in der Mitte, wenn so nach dem Anfangsschwung erst mal keine Spenden mehr kommen, dann ist man unruhig.

Chris Poelmann: Ich habe das Crowdfunding auch so ein wenig als Signalballon gesehen. So können wir auch sehen, ob Interesse der Hamburger an dem Projekt besteht. Aber natürlich hat man dann abends das Handy in der Hand und denkt sich “oh heute sind nur 20 Euro gekommen”, obwohl schon ziemlich schnell klar war, dass es mit dem Projekt was wird.

Stella Markotic: Ich kann von mir sagen, dass ich ziemlich ruhig war. Die Möglichkeit des Scheiterns kam mir gar nicht so in den Sinn. Aus irgendwelchen Gründen sagte ich mir: Das wird was. Und dann ist es ja auch was geworden.

Dominik Bloh: Unruhig ist man schon... klar … Aber … Ich schließe mich da den anderen an. Es ist auch wichtig und das vielleicht auch als Tipp für die Leser, die kleinen Erfolge zu feiern. Sich auf die Schulter zu hauen. Es geht nicht darum, abzufeiern wenn man das ganze Projekt gestemmt hat und die Welt erobert. Es geht darum, zu feiern dass es jetzt was gibt, das es vorher nicht gab. Jeden Tag und jeden Erfolg zu feiern. Sich für jede Stufe zu loben. 

xStarters: Mit Veranstaltungen in der City, Kooperationen und zahlreichen Medienauftritten habt ihr ja für beachtlichen Wirbel gesorgt. Was war ein besonders toller Moment in dieser Phase?


-Der Raum fixiert sich auf Dominik. Stille. -

Chris: Na, möchtest du was dazu sagen, Dominik?

Dominik lehnt sich ein wenig hervor. Er lächelt, fast verlegen, als er beginnt zu schwärmen:

Dominik: Ja, für mich war das natürlich das Spiel, also das St. Pauli-Spiel. Da hatten wir Bandenwerbung und der Verein hat für uns geworben und wir haben Leute getroffen. Wenn der Verein, also dein Lieblingsverein so etwas für dein Projekt tut, dann ist das schon was besonderes. Für mich war das ein toller Moment. Ja.

Gülay: Auch wenn Leute wie Ewald Lienen dann dein Projekt posten. In ihrer eigenen Sprache. Dann ist das was ganz Wertvolles. 

Die Hürde wurde genommen. Die Stadt, die Kulturszene und die Wirtschaft hatten sich als wertvoller Partner erwiesen. Immer noch kommen Kooperationsanfragen ins Haus geflattert. Auf die Frage, wie sehr der Crowdfunding Erfolg gefeiert wurde, antwortet Gülay nur: 
“Eigentlich wollten wir so richtig feiern gehen! Aber am Ende waren wir was essen und haben einen Wein getrunken. Das war's.”
 

Von Übermut und Alltag

Zur Zeit wird ein Bus vor den Toren Hamburgs umgebaut, er soll 3 Badezimmer und Rückzugsmöglichkeiten erhalten. Die Obdachlosen sollen jeweils 30 Minuten Privatsphäre und Zeit für Hygiene in Anspruch nehmen.

xStarters: Wie geht es jetzt bei euch weiter? Wie sieht euer Fahrplan aus?

Chris: Bus bauen. Auf die Straße gehen! Also im Endeffekt sind wir gerade im Umbauprozess, der sich wie zu erwarten als umständlicher erweist als man dachte. Also, der Umbau dauert länger, weil wir natürlich auch einen Bus auf die Straße bringen wollen, der Sinn macht. Es gibt jetzt bei uns allen Baustellen, die wir angehen. Da geht es nicht nur um den Umbau, da geht es auch um Standorte, ehrenamtliche Beteiligte und Kommunikation. Es gibt all diese Aktivitätsinseln, die von uns bearbeitet werden.

Dominik: Es ist wunderbar. Es ist sehr schön. Das ist das, was ich vorhin meinte, ich denke auch an die Zukunft und muss daran arbeiten, die kleinen Sachen andauernd zu feiern. Wir machen was wahr, ne? Das kann dann jeder für sich mitnehmen. Auch im Alltag. 



Unsere Gesprächszeit endet langsam. GoBanyo muss weiteren To Dos nachgehen und ich bedanke mich nach einem weiteren Heißgetränk für das Gespräch. “Jetzt haben wir gar nicht so richtig über die Nachhaltigkeitsziele geredet”, lacht Gülay. “Keine Sorge, ich kann mir kaum ein Projekt vorstellen, das besser auf das Nachhaltigkeitsziel 9 passt als ihr”, antworte ich.

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