04.11.2019

Blindbot: Wie ein Roboter Blinden helfen soll

Sebastian Droschinski

Am Griff des "Eye-Robot"

Ein Basketball rollt über Kopfsteinpflaster, mühelos überwindet er den Bordstein. Kleine Rädchen drehen sich im Gewinde und erklimmen in einer fließenden Bewegung den Gehweg. Das Handling erinnert entfernt an einen Trolley oder Staubsauger. Wenn es nach Alexander Bayer geht, haben wir es aber mit der Revolution der Blindenassistenz zu tun.

Alexander selbst ist zwar erst 20 Jahre alt, aber sein Blindbot begleitet ihn schon über vier Jahre. Dass dieser sich rechnet, belegt er mit Zahlen: Ein Blindenhund kann, so schreibt es der Student der ETH Zürich, eine Investition von etwa 32.000 bis 55.000 Euro bedeuten, Krankenkassen stellen sich hin und wieder quer, der Hund braucht nach 2 Stunden eine Pause und wird nach 6 Jahren in die (wohlverdiente) Hunde-Rente geschickt.

Das Assistenzsystem soll mithilfe von Machine Learning blinden Menschen dabei helfen, sich gut durch den Alltag zu bewegen und mit zahlreichen Features, einer langen Lebensdauer und einem vergleichsweise günstigen Preis brillieren. Die Idee konnte schon die Jury von JUGEND GRÜNDET überzeugen. Grund genug für uns, uns mal mit dem jungen Erfinder zu unterhalten.

Alexander und blinde Frau testen Blindbot
Die erste Testphase mit dem Blindbot

xStarters: Was war der Auslöser, dass du dich mit den täglichen Hürden von blinden Menschen beschäftigt hast?

Alexander: Der Auslöser war eigentlich, dass ich in der Schule eine blinde Mitschülerin hatte. Da habe ich gelernt, wie teuer Blindenhunde eigentlich sind und dass es auch noch weitere Probleme gibt. Beispielsweise, dass man sie nur eine Stunde am Stück einsetzen kann.

xStarters: War deine Mitschülerin denn auch deine erste Ansprechpartnerin, als es darum ging, den Prototypen zu erstellen?

Alexander: Wir haben mit ihr den ersten Prototypen getestet. Inzwischen aber auch mit mehreren Blinden. Zum Teil aus Deutschland, zum Teil hier in Zürich. Wir holen uns ständig Feedback.

xStarters: Wie lange begleitet dich der Blindbot schon, also vom ersten Konzept über den ersten Prototypen bis jetzt?

Alexander: Das sind mittlerweile echt schon vier Jahre. Von der ersten Idee bis zur ersten Maschine in der Garage hat es ein halbes Jahr gedauert. Bis da mal was auf dem Tisch stand, sozusagen.

xStarters: Hast du denn schon immer gerne Sachen gebaut?

Alexander: Das war bei mir eigentlich immer schon so, dass ich gerne gebastelt habe, am liebsten mit Elektronik. Da habe ich alles Mögliche zusammengebastelt, angefangen mit kleinen Autos, da hab ich an den kleinen Motoren getüftelt, an den Rädern geschraubt und so weiter.

Der Blindbot von Alexander
So sieht der Blindbot von Alexander aus

Das Gerüst steht. Das Software-Herz schlägt.

Alexander hat eine ruhige Ausstrahlung. Er hört sich sehr unaufgeregt an, als das schwäbische “gebaschtelt” über seine Lippen kommt. Als wäre ein Roboter, der sich im Groben auf dasselbe System wie das autonome Fahren stützt, ähnlich simpel wie mein Modellbaukasten-Dinosaurier, den ich als Jugendlicher mit größter Stümperhaftigkeit zusammengeklebt habe. Natürlich interessieren mich daher die frühen Tage des Blindbots.

xStarters: Das Design ist ja ziemlich unique. Was waren hier die besonderen Herausforderungen? Wie war da die Entwicklung?

Alexander: Die besondere Herausforderung war die Programmierung der Software, die die ganzen Motoren ansteuert. Wir haben ja vier Motoren und für jeden einzelnen muss man überlegen: Wann muss man den wie ansteuern? In welche Richtung und wie schnell müssen sich die Rädchen drehen? Auch äußere Einflüsse wie eine abschüssige Straße muss man bedenken. Da ist der Winkel des Roboters natürlich anders und auch da darf er nicht umfallen. Diese Überlegungen haben schon am längsten gedauert.

xStarters: Was waren denn die letzten Verbesserungen am Blindbot, die du umgesetzt hast? Die Steps, wo man sagt: “Wow, das war jetzt noch mal ein richtiger Schritt”?

Alexander: Die letzte große Verbesserung war der Wechsel von einem Tiefen-3D-Sensor zu Kameras. Wir hatten immer einen Sensor genutzt, der die Tiefen ausliest und damit Abstände berechnet. Jetzt nutzen wir einfach zwei Kameras, die durch Algorithmen und künstliche Intelligenz herausfinden, wie weit Objekte entfernt sind. Das funktioniert bei hellstem Sonnenlicht wie bei stockfinsterer Nacht und allgemein deutlich besser.

xStarters: Kannst du dich auch an einen Punkt erinnern, an dem du dachtest: „Verdammt, ich bekomme diese Nuss nicht geknackt!”?

Alexander: Ja, vor allem die Reglungssoftware des Roboters hinzukriegen. Also eben die Ansteuerung der Motoren, von der ich vorhin erzählt hatte. Man wird man quasi nie ganz fertig.

xStarters: Holst du dir in solchen Fällen Hilfe von anderen?

Alexander: Ach, meistens gehe ich das so an, dass ich ganz viel im Internet google (lacht). Bisher suche ich da normalerweise nicht nach einem Ansprechpartner. Aber in 1-2 Jahren habe ich dann auch im Studium genau die Vorlesungen, die mein Problem behandeln. Also hoffe ich mal (lacht).

Alexander Bayer mit seiner Erfindung dem Blindbot
Alexander Bayer mit seiner Erfindung – dem Blindbot
Alexander Bayer

Erfinder des Blindbots

"Was die Motivation schon immer hochhält ist, wenn man an Events oder Wettbewerben teilnimmt. Geht mit eurer Idee raus. Holt euch Feedback und trefft Gleichgesinnte."

Vom Studentenwohnheim zum Start-Up

Während des Gesprächs vergesse ich hin und wieder, dass ich es noch mit einem Studenten zu tun habe. Der es neben seinen zahlreichen Veranstaltungen ja auch noch irgendwie balancieren muss, sich an einer relativ prestigeträchtigen Hochschule zu beweisen und am Ende des Tages sein Zimmer im Wohnheim aufzuräumen. Alexander ist da so wie jeder andere. Jemand, der zur Uni Zürich in die Mensa geht, weil das Essen dort doch eine Ecke besser ist. Jemand, der auf eine Jugendmesse geht, um da umsonst Bewerbungsfotos abzustauben.

xStarters: Mit deiner Idee kooperierst du ja auch mit Arvid Gollwitzer, der sich mehr an die Business-Strategie heranwagt. Wie sieht eure Zusammenarbeit genau aus? Wie funktioniert dieses Teamwork – ohne dass einem mal die Puste ausgeht oder man sich die Köpfe abreißt?

Alexander: Zusammenarbeit ist schon eine gehobene Aufgabe. Man muss gut überlegen, um eine Aufteilung zu finden, dass jeder das macht, was ihm Spaß macht. In unserem Fall ist das so, dass ich die technischen Sachen mache, wie Bauteile designen oder Software schreiben, und Arvid macht alles, was mit Start-Up zu tun hat: Auf Ausschreibungen bewerben, bei denen man Geld gewinnen kann, um weitere Prototypen zu bauen, unseren Businessplan schreiben und so weiter.

xStarters: Und wie habt ihr euch kennengelernt und zusammengerauft?

Alexander: Ganz klassisch über das Studium. Wir haben beide zur selben Zeit angefangen, Elektrotechnik zu studieren und lustigerweise haben wir im Studentenwohnheim fast nebeneinander gewohnt. Also wirklich nur drei Zimmer voneinander entfernt.

xStarters: Na dann ist das ja nur logisch mit der Kooperation (lacht).

Alexander: Ja genau, dann kommt das wie von selbst (lacht).

xStarters: Musstet ihr lernen, miteinander umzugehen? Hat es auch manchmal geknirscht?

Alexander: Man sollte immer genau schauen, dass es ausgewogen ist. Dass nicht einer das Gefühl hat, zu viel oder zu wenig zu machen. Bisher hat es aber eigentlich nie so wirklich geknirscht.

xStarters: Okay, ich will ja auch keine Krise herauf beschwören. Hättest du sonst noch einen Tipp, wie man die Motivation als junges Macherteam hochhält?

Alexander: Was die Motivation immer hochhält, ist an Events oder Wettbewerben teilzunehmen. Und natürlich auch, wenn man dann mit seinem Projekt dort Preise gewinnt. Beispielsweise bei "Jugend forscht" oder „Jugend gründet“ mitzumachen. Das motiviert immer ungemein.

Ähnlich wie der Ausflug über die Kopfsteinpflaster der Züricher Innenstadt ist auch der steinige Weg der beiden Jungerfinder noch lange nicht am Ende. Alexander wird weiter optimieren und Arvid wird weiter nach einem Weg Ausschau halten, um ihr gemeinsames Start-Up zum Erfolg zu führen. Zu diesem Zeitpunkt neigt sich unser Gespräch dem Ende zu. Alexander möchte noch zu einer Ausbildungsmesse, sich in Wettbewerbe einlesen und Wäsche machen. Sein Tag hat ja auch nur 24 Stunden. Wir werden aber auf jeden Fall dieses Projekt im Auge behalten und euch auf dem Laufenden halten, wenn die große Revolution der Blinden-Assistenz über die Berge gerollt kommt. #socialmaker

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