Impressum & Rechtliches

Nachbarschaftshilfe auf Knopfdruck

Interview mit den Gründern der App "letsact"

iPhone-X-Hand-Entdecken (002)
Leonie Matt | 02.05.2019

Volunteering oder „Nachbarschaftshilfe“ begleitet uns als Menschen schon über Jahrhunderte: Während sich ehrenamtliche Tätigkeiten früher meist auf den eigenen familiären Kreis oder das regionale Umfeld beschränkten, sind mit steigendem Wohlstand heutzutage dem Bedürfnis, anderen Menschen etwas Gutes zu tun oder sich für die Natur oder Tiere einzusetzen keine Grenzen gesetzt. Bei unzähligen Möglichkeiten ist es gar nicht so einfach, die Organisation zu finden, bei der man selbst einen Mehrwert leisten kann. Kontaktaufnahme und Abstimmungen gestalten sich häufig unnötig schwierig. Nicht selten scheitert der Wille an diesen Hürden. Ludwig und Paul aus München, beide waren während der Schulzeit selbst ehrenamtlich aktiv, überlegten: Wie können digitale Möglichkeiten helfen, um den Zugang zum Volunteering zu vereinfachen. So entwickelten sie die App „letsact“. Seit ihrem Pilotprojekt 2018 bieten sie über 5.000 Freiwilligen und über 200 Organisationen eine Plattform.

xStarters: Woher kennt ihr beiden euch?

Paul: Wir kennen uns tatsächlich schon super lange – ich glaube, das erste Mal haben wir zusammen in der Grundschule Fußball gezockt. Zwischendurch hatten wir uns dann aus den Augen verloren…

Ludwig: …Dann haben wir uns zufällig in England wiedergetroffen und wieder mehr zusammen gemacht.

xStarters: Habt ihr euch vorher selbst ehrenamtlich engagiert?

Paul: Wir beide haben uns schon immer freiwillig engagiert - einmal sogar auch gemeinsam, als Fußballtrainer für Geflüchtete. Was wir häufig dabei festgestellt haben, gerade in unserer Schulzeit, war eine Lücke: Viele Leute möchten etwas Gutes tun aber letztendlich machen es nur wenige. Wir glaubten nicht, dass das an den Menschen liegt, sondern mehr an den Möglichkeiten, die oft nicht sehr präsent oder zugänglich sind. Wir fanden es nicht mehr zeitgemäß, dass man als Person, die sich ehrenamtlich engagieren möchte, super viel Zeit in die Suche und Kontaktaufnahme mit Hilfsorganisationen investiert.
Um ein Ehrenamt zu finden und auszuüben, muss man ewig rumtelefonieren und viele E-Mails schreiben. Das ist in unseren Augen unattraktiv und hindert viele Menschen daran, sich zu engagieren. Wir möchten es den Leuten möglichst einfach machen, sich zu engagieren, damit dies eben auch möglichst viele Menschen tun.

xStarters: Wie seid ihr von dieser Erkenntnis zu eurem Lösungsansatz gekommen?

Paul: Das Problem hat uns beide gestört und irgendwann haben wir gesagt: Wir müssen da was machen. Also überlegten wir: Auf Plattformen wie Uber oder Airbnb hat der Nutzer innerhalb weniger Klicks das, was er oder sie haben möchte. Im weiteren Verlauf kam uns dann die Idee, das es eine App braucht, in der man als ehrenamtliche Person ganz leicht Projekte finden kann und die beiden Grundprobleme löst: Hürden abbauen und die Informationslücke schließen und den Leuten einfach darstellen, was es alles für coole Initiativen bei ihnen in der Umgebung gibt.

letsact-gründer (003)
Die beiden Gründer Ludwig und Paul von letsact

xStarters: Habt ihr im Vorfeld Leute in eurem Umfeld zu dem Problem befragt, um herauszufinden, ob es ihnen ähnlich geht?

Ludwig: Uns war wichtig, dass wir unsere App möglichst nah an den Nutzern entwickeln. Wir haben das Problem zwar quasi selbst erlebt, haben aber trotzdem mit anderen Leuten dazu gesprochen.

So sind wir zum Beispiel auch darauf gekommen, dass unsere App zwei Interfaces benötigt: Die Freiwilligen haben nämlich andere Bedürfnisse an die Ansicht als die Organisationen oder ehrenamtlichen Vereine.
Freiwillige möchten letsact so nutzen, wie sie auch ihre anderen Apps auf dem Smartphone nutzen. Organisationen hingegen benötigen für das Management ihrer Projekte andere Features, weil sie beispielsweise gar nicht mit dem Smartphone arbeiten, sondern eher am Computer. Auf Basis dieser Erkenntnisse haben wir uns die Zeit genommen und uns an das Produkt herangearbeitet, damit beide Seiten die Features wiederfinden, die sie brauchen.

xStarters: Wann seid ihr gestartet und wie lange hat der Prozess von der Idee bis zur App, dem fertigen Produkt, gedauert?

Ludwig: Wir haben im Sommer 2017 angefangen. Im Herbst haben wir dann mit der Entwicklung begonnen, nachdem wir mehrere Monate am Konzept gearbeitet haben, Feedback einholen und berücksichtigen konnten. Während der Entwicklung sind wir schrittweise vorgegangen, sodass wir zwischendurch immer wieder testen konnten.

xStarters: Wie habt ihr die Leute gefunden, die ihr brauchtet, um die App zu entwickeln?

Paul: Wir sind selbst zwei tech-affine Personen. Wir kannten uns in der Frontend-Entwicklung etwas aus aber brauchten noch jemanden, der uns unterstützt. Aus unserem erweiterten Bekanntenkreis haben wir einen sehr erfahrenen Softwareentwickler gefunden. An ein paar Stellen hatten wir zudem Unterstützung durch Freelancer.

xStarters: Was ist euer Tipp, wenn es darum geht, Menschen zu finden, die einen in der Produktentwicklung unterstützen?

Ludwig: Uns war am Anfang die App-Entwicklung noch relativ fremd. Aber wir haben uns da schnell reingefuchst – gerade, was die Konzeption und das App-Design angeht – da mussten wir uns erstmal reinarbeiten. Dann haben wir Learning-by-doing uns Fähigkeiten angeeignet.

Paul: Es gibt viele Menschen, die zwar das technische Know-How, aber keine Idee haben. Mit denen muss man sich zusammentun, um gemeinsam an der Idee zu arbeiten. Wichtig ist, dass man aktiv nach den Menschen sucht. Das haben wir auch gemacht.

iPhone-X-Hand-Entdecken (002)

xStarters: Was waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung der App?

Paul: Wir haben täglich ganz viele Herausforderungen (lacht).

Ludwig: Aus meiner Sicht war die größte Herausforderungen, die beiden Zielgruppen zusammenzubringen: 33 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen geben an, dass sie sich gerne ehrenamtlich engagieren möchten. 50 Prozent der Organisationen und Vereine suchen ehrenamtliche Helfer. Unsere Herausforderung war es, die unterschiedlichen Ansprüche durch eine intelligente Projektstruktur zusammenzubringen.

xStarters: Würdet ihr euch selbst als Social Business bezeichnen? Gibt es ein Geschäftsmodell hinter dem sozialen Ansatz von letsact?

Ludwig: Wir bezeichnen uns als Social Business und möchten unser soziales Ziel mit einem Geschäftsmodell vereinen. Wir möchten, dass letsact eine langfristige Sache ist – daher muss es sich selbst finanzieren. Wir haben uns am Anfang bewusst dagegen entschieden, dass wir nur von Spenden abhängig sein möchten.

xStarters: Wie sieht hier euer Ansatz aus?

Paul: Wir möchten Partnerschaften mit Unternehmen eingehen: Demnächst starten wir hier in München eine erste Pilotphase, in der wir den Unternehmen beim Corporate Volunteering helfen: Viele Unternehmen stellen ihre Mitarbeiter mittlerweile frei, damit diese sich – vom Arbeitgeber bezahlt – freiwillig engagieren können, sozusagen als soziales Engagement des Unternehmens. An dieser Stelle können wir den Unternehmen mit unserer Plattform helfen. Der langfristige Plan ist also, dass wir uns selbstständig finanzieren, damit unsere Idee nachhaltig umgesetzt werden kann.

Ludwig: Das ist das Spannende am Social Business Modell: Man bringt „Impact“ und den wirtschaftlichen Ansatz zusammen. Das ist ein extremer Trend gerade und uns freut, dass die Community wächst. Es geht nicht mehr nur darum, Geld zu verdienen, sondern damit ein soziales Problem zu lösen.

Paul: Wenn man einer Non-Profit Organisation Geld gibt, geben sie das einmal aus und das Geld ist weg. Wenn man hingegen einem Social Business Geld gibt, wird dies ständig reinvestiert. Ich finde das Social Business Modell viel nachhaltiger. Man schafft dadurch letztendlich einen größeren Mehrwert.

Ludwig: Man muss ein Produkt schaffen, das an die Needs der Zielgruppe angepasst ist. Junge Leute – die überwiegend unsere Zielgruppe darstellen - nutzen Apps wie Airbnb, Instagram und sind dementsprechend an die hohe User Experience, die Qualität der Aufmachung der Apps, gewöhnt. Diesen Maßstab kann eine Non-profit Organisation nur schwer erreichen. Es darf nicht daran scheitern, finden wir.

letsact-demo-iphone (002)

xStarters: Wie vermarktet ihr euer Produkt?

Ludwig: Bei den Ehrenamtlichen haben wir bisher noch gar keine aktive Werbung gemacht. Das lief bisher alles über word-of-mouth und Zeitungsartikel und Ähnliches. Wir planen gerade einpaar Partnerschaften mit Influencern oder bekannten Persönlichkeiten. Auf der Non-Profit Seite haben wir viele Leute aktiv kontaktiert oder uns auf Konferenzen bei ihnen vorgestellt, um den Leuten von uns und unserer Idee zu erzählen.

xStarters: Wie arbeitet ihr als Team zusammen?

Ludwig: Wir sind mittlerweile sechs Leute, die Vollzeit an letsact arbeiten. Außerdem haben wir drei Werkstudentinnen, die uns unterstützen. Wir haben viel zu tun, die meiste Zeit nutzen wir für die Entwicklung und die Arbeit mit den Non-Profits.. Wir haben ein gemeinsames Büro. Für die Absprachen nutzen wir jede Menge Online-Tools: Slack zur Kommunikation, Asana, um die Aufgaben zu verteilen, Notion, um zu dokumentieren. Wir haben kein Tool, das nicht online funktioniert – dadurch sind wir sehr flexibel und können von überall arbeiten.

xStarters: Was steht in diesem Jahr bzw. in Zukunft bei letsact an?

Paul: Für dieses Jahr ist ein großes Ziel, dass wir eine Spendenfunktion in unsere Plattform integrieren möchten – sozusagen als weitere Möglichkeit, Gutes zu tun. Die große Vision von letsact ist, dass wir eine Plattform für Impact darstellen – egal, ob der Nutzer Geld oder Zeit spendet. Außerdem arbeiten wir in diesem Jahr an Partnerschaften mit Rolemodels.

Ludwig: Was wir auch einbauen möchten: Nutzer sollen ihre eigenen Projekte in der App starten können. Wir haben festgestellt: Viele Leute möchten sogar mehr machen, als das klassische Volunteering – sie möchten eigene Projekte realisieren. Das soll künftig auch auf letsact möglich sein.

Verwandte Themen

Das könnte dich auch interessieren