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Interview

Victoria von MakeSense

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Leonie Matt | 14.11.2018

 

Vor ein paar Tagen haben wir mit Victoria Peter von MakeSense gesprochen. MakeSense ist ein globales Netzwerk mit dem gemeinsamen Ziel, innovativen Unternehmern dabei zu helfen, soziale Herausforderungen zu lösen. Es kooperieren Regierungen, lokale Authoritäten, Unternehmer, Aktivisten und Bürger, um als Community lokale gesellschaftliche- oder Umweltprobleme weltweit anzugehen.

 

 

xStarters: Wie würdest du MakeSense beschreiben?

Victoria: MakeSense ist eine internationale Organisation, die es sich zur Zielsetzung gemacht hat, verschiedene Akteure der Gesellschaft zusammenzubringen und es diesen zu ermöglichen, gemeinsam soziale oder ökologische Probleme ihrer Stadt oder ihres Umfelds zu lösen. Jeder kann sich engagieren, um die heutigen Herausforderungen zu lösen.

xStarters: Wie ist eure Vorgehensweise?

Victoria: Wir machen das anhand von zwei Ansätzen. Im ersten Ansatz geht es um die Ausübung von Innovationsmethoden, das bedeutet wir entwickeln Methoden für Workshops oder Konferenzen, die es den Leuten ermöglichen, sich zusammensetzen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Der zweite Ansatz beschreibt gleichzeitig die DNA von MakeSense: Es nennt sich Community-Entwicklung. MakeSense ist keine Beratungsfirma, vielmehr möchten wir Bürgern, Unternehmern oder Mitarbeitern in Ihren Firmen, die Werkzeuge an die Hand geben, sodass sie sie selbständig nutzen können und zum Beispiel eigenständig Workshops durchführen und innovative Methoden anwenden und somit MakeSense innovations communities dort zu entwickeln wo sie sind.

xStarters: Wie unterscheidet sich das Konzept von MakeSense vom klassischen Charity?

Victoria: Wir unterscheiden uns vom Charity, da wir eher eine Bürgerbewegung sind - was wir in Paris oder Berlin machen, tun wir auch in Manila (Philippinen) oder Abidjan (Elfenbeinküste): Wir möchten Menschen dazu bewegen, ihre eigenen unternehmerischen Lösungen zu finden und zu entwickeln.

xStarters: Wie bist du dahingekommen?

Victoria: Ich habe MakeSense zum ersten Mal kennengelernt, als ich während meines Studiums in Amsterdam zusammen mit Freunden selbst ein Social Business aufgezogen habe. Ich hatte damals wenig Ahnung und wir haben Unterstützung gesucht – damals hat MakeSense auch für uns einen Workshop durchgeführt. Als unser SocialBusiness gescheitert ist und wir damit aufgehört haben, habe ich – mittlerweile war ich in Berlin - nebenbei ehrenamtlich die MakeSense Community vor Ort mitentwickelt. Nach 1,5 Jahren wurde ich dann gefragt, ob ich in den Aufsichtsrat von MakeSense wechseln möchte und habe diese Aufgabe weiterhin nebenbei gemacht. Seit 2,5 Jahren arbeite ich an der Entwicklung von Social Business Projekten in Afrika. Ich habe diese Tätigkeit schließlich in meine Arbeit bei MakeSense einfließen lassen und damit meinen eigenen Posten in Vollzeit bei MakeSense kreiert.

 

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Wie groß ist MakeSense?

 

Derzeit arbeiten 75 Menschen in sechs Büros weltweit für die Organisation. Victoria zum Beispiel arbeitet derzeit in Paris. Dank der Community ist MakeSense in 120 Städten auf der Welt präsent, wo Bürger und Sozialunternehmer gemeinsam MakeSense kreieren. Das Team ist dazu da, die Rahmenbedingungen zu schaffen, um es den Menschen zu ermöglichen, sich zu engagieren. Mittlerweile haben sich etwa 45.000 Menschen über MakeSense engagiert, zusammengearbeitet und Projekte realisiert.

 

 

xStarters: Was ist deine Aufgabe bei MakeSense?

Victoria: Mittlerweile kümmere ich mich um unsere Afrika-Aktivtäten. Eines unserer Projekte ist zum Beispiel das CoLAB, ein sektorielles Ökosystem für gemeinsame Innovation im Agrarbereich in drei west-afrikanischen Ländern. Wir sehen, dass bereits innovative Lösungen zur Lebensmittelsicherstellung und nachhaltigeren Wertschöpfungsketten vorhanden sind, dass jedoch diese Lösungen heute nicht genug Durchschlagskraft besitzen. So geht leider sehr viel Potenzial verloren. Daher fragen wir uns: Wie schaffen wir es, Menschen von NGOs, aus großen Firmen, Regierungen oder Bauernbewegungen zusammenzubringen, um innovative Lösungen zu nutzen?

Die erste Phase sieht daher vor, Barrieren der Zusammenarbeit abzubauen und gegenseitiges Vertrauen unter den Akteuren herzustellen. In der zweiten Phase entstehen Innovationen und es werden konkrete Projekte gemeinsam kreiert. Nach diesen Projekten trainieren wir sogenannte Ambassadors, die die MakeSense Methoden beigebracht bekommen, um selbständige MakeSense Workshops zu organisieren und durchführen zu können.

xStarters: Was ist das Besondere an der weltweiten Arbeit?

Victoria: Interessant ist natürlich, dass, je nachdem, wo wir mit MakeSense unterwegs sind, die Projekte ganz anders sind. Auch die Intention der Menschen, die sich engagieren möchten, ist ganz unterschiedlich. In Dakar sind Jugendliche nicht – wie häufig in Europa - danach aus, einfach nur “Sinn” in ihrem Job oder Leben zu finden. Vielmehr möchten sie einen sicheren Job finden der es ihnen ermöglicht, eine Ausbildung oder Ähnliches zu finanzieren. MakeSense Peru ist anders als MakeSense Senegal und das wiederrum unterscheidet sich von der Arbeit von MakeSense in Mexiko.

Ein Beispiel hierfür ist: Anders als in Industrieländern wie Deutschland, sprechen wir in Westafrika wenig von Social Business – wir nennen es stattdessen High-Impact Entrepreneurs, weil Social Business als Begriff dort eher für Verwirrung sorgt. Weiterhin ist es so, dass ein Business, was im Senegal gegründet wird, meist schon soziale Auswirkungen hat, da es Leuten Jobs bietet und ihnen somit eine Existenzgrundlage ermöglicht. Als Social Entrepreneur ist man oft etwas privilegiert, denn man darf es sich finanziell erlauben, den sozialen Gedanken vor den wirtschaftlichen zu stellen - das ist natürlich in ärmeren Verhältnissen noch einmal einen Tick schwieriger als in Staaten mit Sozialsystemen und Arbeitslosenversicherung.

xStarters: Was für eine Rolle haben gerade junge Menschen in eurer Community?

Victoria: Wir richten uns grundsätzlich an Menschen, die schon im Studienalter sind, also 18-jährige und älter. Wir haben allerdings auch spezifische Programme für Jugendliche. Die Produktreihe nennt sich „MakeSense in your school“. Hier geben wir Kurse und bringen Unternehmer von außen mit in die Klassenräume. Die Jugendlichen erarbeiten dann beispielsweise innerhalb eines Tages anhand einer konkreten Herausforderung mithilfe von Design Thinking Lösungen. Am Ende des Tages haben sie viel Neues kennengelernt, Social Business hautnah erlebt und verstanden und einem Social Business Unternehmer bei einem realen Problem geholfen. Wir möchten damit zu einem mindset in Richtung soziales Bewusstsein und entrepreneurial Culture inspirieren.

 

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xStarters: Was für einen Einfluss haben digitale Tools bei der Lösung sozialer Probleme?

Victoria: In vielen unserer Inkubationsprogramme ist eine der Voraussetzungen, dass das Unternehmen, welches wir unterstützen, digitale Tools nutzt. Wir glauben, dass es der Schlüssel ist, um als Sozialunternehmer Probleme großflächig angehen zu können. Ein Beispiel ist das Projekt „Too Good To Go“ mit dem Slogan „Wir retten Lebensmittel“. Dabei handelt es sich um ein Start up, das gegen Lebensmittelverschwendung kämpft und es Bars, Restaurants, Cafés ermöglicht, ihre Lebensmittel vergünstigt anzubieten, bevor sie sie wegwerfen müssen.

xStarters: Was macht ihr, um Menschen für das Thema Soziales Engagement und Social Business zu sensibilisieren?

Victoria: Leute, die sich der Probleme noch nicht bewusst sind oder die noch nichts von Social Business gehört haben, laden wir zum „MakeSense room“ ein. Das ist eine Mischung aus Konzert und Talkshow. Wir befassen uns mit einem konkreten Thema, beispielsweise Migration. Dazu laden wir zwei Social Business Unternehmer ein, die zu diesem Thema innovative Lösungen gefunden haben bzw. umsetzen, einen Experten und einen Musiker. Die Veranstaltung ist sehr entspannt und locker, eigentlich mehr wie ein Konzert oder ein unterhaltsamer Abend. Zusätzlich haben wir einen Blog und machen Podcasts – unsere Message bei allem ist: Sieh hin, es gibt viele innovative Ansätze zur Lösung gesellschaftlicher oder ökologischer Probleme! Alles, was es zur Umsetzung benötigt ist die Unterstützung von so vielen motivierten Menschen wie möglich – auch von dir.

Der zweite Ansatz ist: Wir machen viele Aktionen, mit denen wir Menschen zeigen, dass sie dazu fähig sind, innovative Lösungen zu finden. In Frankreich haben wir ein Programm, bei dem wir an Schulen unterwegs sind und mit den Klassen zuerst eine soziale Herausforderung identifizieren und am Ende ein Konzept für eine Lösung des Problems haben. Die Jugendlichen sehen so, dass es gar nicht so schwer ist, unternehmerische Lösungen zu finden, die gleichzeitig “Sinn machen”.

 

Victoria

MakeSense

Sieh hin, es gibt viele innovative Ansätze zur Lösung gesellschaftlicher oder ökologischer Probleme! Alles, was es zur Umsetzung benötigt ist die Unterstützung von so vielen motivierten Menschen wie möglich – auch von dir.

 

xStarters: Hättest du als Jugendliche gedacht, dass du später das machst, was du heute tust?

Victoria: Ich habe eigentlich schon seit ich 19 Jahre alt bin gewusst, dass ich in Afrika Alternativen zur Entwicklungshilfe entdecken möchte. Mir ist das klar geworden, als ich nach der Schule ein Jahr für eine klassische NGO (Nichtregierungsorganisation) in Togo gearbeitet habe. Da habe ich mich zum ersten Mal für nachhaltiges Wirtschaften und social business in Afrika interessiert.

xStarters: Würdest du deinen Job als Traumjob beschreiben?
Victoria: Für mich ist das, was ich tue, ein Traumjob ☺ Hinzu kommt, dass wir bei MakeSense eine Organisationskultur haben, die von sehr flachen Hierarchien geprägt ist. Wir haben keine Chefs oder Direktoren, jeder kann bei uns Entscheidungen treffen. Das ist natürlich wahnsinnig spannend, weil jeder Verantwortung trägt. Das motiviert uns alle hier ungemein und lässt uns auch menschlich wachsen.

xStarters: Was sind deine drei Stärken?

  • Design-Thinking und Workshop Fascilitation - die Fähigkeit, mit allen Menschen unter allen Bedingungen Innovationen zu katalysieren. - besonders im afrikanischen Kontext
  • Das Wissen, Entrepreunere und junge Projekte zu begleiten
  • Die Leidenschaft, die in mir brennt, zu vermitteln und Leute begeistern zu können

xStarters: Wo steht MakeSense in Zukunft?

Victoria: Im Jahr 2030 möchten wir 3 Millionen Menschen über die MakeSense Plattform erreicht und zum Handeln bewegt haben.

xStarters: Was wünschst du dir persönlich in Zukunft für unsere Welt?

Victoria: Ich würde mir wünschen, dass jeder Akteur in der Gesellschaft realisiert, dass auch er oder sie eine Rolle spielen kann um die Welt zu bewegen - insbesondere im Kollektiv. Ich würde mir außerdem wünschen, das große Organisationen und Regierungen kollektiver und weniger hierarchisch denken und handeln und dass der Mensch ins Zentrum der Innovation gerückt wird.

 

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