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Interview

Hans Reitz, Social Business Unternehmer und Jurymitglied bei xStarters

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Leonie Matt | 02.10.2018

Vor Kurzem hatten wir die Chance, mit Hans Reitz zu sprechen, der sich bereits als Jugendlicher zum Ziel gesetzt hat, der Umwelt mehr zurückzugeben, als er ihr selbst entnimmt. Heute steht Hans Reitz dafür, die Idee des Social Business zu verbreiten, er ist Berater, Visionär und vor allen Dingen eins: Menschenfreund. Im folgenden Interview erfahrt ihr mehr über eine inspirierende Person, die übrigens auch Jurymitglied bei unserer xStarters Challenge 2018 ist.

xStarters: Du bist Kreativcoach, Unternehmer, Berater, Redner, Visionär – was sind drei Eigenschaften, die dich in diesen Rollen auszeichnen?


Hans Reitz: Zuallererst bin ich ungebrochen abenteuerlustig, was bedeutet, dass ich mir als kleines Kind bis heute die Abenteuerlust erhalten habe und sehr neugierig bin. Zweitens kann ich sagen, dass ich ein Menschenfreund bin – eine für mich ganz existenzielle Sache. Das dritte ist, dass ich natürlich eine riesige Freude daran habe, mit den Menschen zu arbeiten und an dem, was als Nächstes kommt.


xStarters: Auf deiner Website steht das Zitat „Wer sich selbst nicht ständig neu erfindet, wird von den anderen überholt“ – Wer warst du früher, der du heute nicht mehr bist? Was war das wichtigste, das du im Leben gelernt hast?


Hans Reitz: Ich bin mit den Jahren und durch das, was ich gemacht habe, durchaus ein extrem weltoffener Mensch geworden. Zu dieser Weltoffenheit hat die Abenteuerlust beigetragen sowie das „eingeengt sein“ als 16- bzw. 17-Jähriger. Für mich ist das nebenbei übrigens das spannendste Alter  – die letzten Monate, bevor man volljährig wird: Das ist die intensivste Zeit, die es im Leben gibt. Damals hat mich besonders diese irrsinnige Lust aufs Entdecken geprägt.


Wir lebten damals in einer Zeit, in der die Flüsse nicht zum Schwimmen da waren. Das Donauufer war so verschmutzt, dass man nicht hineintreten konnte, der Wald war vom Waldsterben und von großen Mülldeponien bedroht. So kam es, dass ich von Anfang an ein Umweltschützer war, einfach, weil ich die Natur gerne habe und weil mir ein Stück Müll in der Natur tatsächlich schon immer schmerzlich wehgetan hat. Dann bin ich auf Mahatma Gandhi gestoßen und mich beschäftigte seitdem die Frage, wie man etwas verändert, ohne dabei Gewalt anzuwenden.

Infobox: Mahatma Gandhi

Mahatma Gandhi war ein indischer Widerstandskämpfer und Revolutionär, der sich für Gewaltlosigkeit aussprach. Er gilt noch heute als einer der bekanntesten Vertreter im Freiheitskampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung.
 

xStarters: Was macht dich glücklich?


Hans Reitz: Das mit dem Glück ist so eine Sache… Ich bin gar kein Mensch, der unbedingt auf das Glück aus ist. Heute macht mich glücklich, dass ich vierfacher Familienvater bin und wenn es meiner Familie gut geht, alle gesund sind – dann bin ich auch glücklich. Aber: ich bin kein Glücks-Hascher; eher sehne ich mich nach ein bisschen Reibung und ich bin auch mal debattierfreudig.

 

xStarters: Was bedeutet für dich Social Business und Solidaritätskultur?


Hans Reitz: Social Business ist ein definiertes System, dem der Professor und Nobelpreisträger Muhammad Yunus im Jahre 2006 einen ganz klaren Rahmen gegeben hat.

Das ist für mich eine wunderbare Technik, mit der ich mich identifiziere und bei der ich mich einbringen möchte. Meiner Meinung nach leben wir in einem Zeitalter, in dem einfach alles eine Frage der Solidarität ist: Wir müssen solidarisch sein zu älteren Menschen, zu denen, die mit einer Behinderung aufwachsen – immerhin zehn Prozent der Gesellschaft, die heute körperlich oder geistig behindert sind – und wir brauchen eine Solidarität mit den Menschen, denen es schlechter geht als uns. Social Business ist ein gutes Tool, mit dem Solidarität erzeugt werden kann.

 

xStarters: Wann hast du damit angefangen, dich sozial zu engagieren? Wann hast du dein erstes Social Business gegründet?

 

Hans Reitz: Ich hatte das große Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der wir sieben Kinder zu Hause waren. Ich habe mit 13 oder 14 Jahren angefangen, Geld zu verdienen und für mich war immer klar, dass ich hiervon einen Anteil an meine Familie geben würde. Tatsächlich habe ich mit 13 mein erstes Unternehmen gegründet mit Hilfe meiner Brüder, es folgten weitere Unternehmen und all das tat ich, um meinen Anteil in der Familie beizutragen. Somit würde ich sagen, Social Business ist mir in die Wiege gelegt worden – ich konnte gar nicht anders. 

 


xStarters: Du hast zahlreiche Social Businesses gegründet oder dabei geholfen, sie zu realisieren. Wie kamst du darauf, fair gehandelten Kaffee verkaufen zu wollen bei „perfect day“?

 

Hans Reitz: Ich denke, dass jede Idee im Social Business Bereich aus einer persönlichen Betroffenheit heraus realisiert wird. Es ist etwas, was dich bewegt und wo du dir denkst: „Das darf doch nicht wahr sein, das ist wirklich ungerecht.“ Wir haben alle einen großen Gerechtigkeitssinn in uns.

Hans Reitz

"Ich denke, dass jede Idee im Social Business Bereich aus einer persönlichen Betroffenheit heraus realisiert wird. Es ist etwas, was dich bewegt und wo du dir denkst: „Das darf doch nicht wahr sein, das ist wirklich ungerecht.“ Wir haben alle einen großen Gerechtigkeitssinn in uns."

Mit „Perfect day“ war es nicht anders: Im Prinzip wollte ich lediglich einem meiner besten Lebensfreunde, mit dem ich gemeinsam als junger Erwachsener für einige Jahre nach Indien gegangen bin, helfen. Mein Freund war ein Imker. Er hatte mit 13 Jahren 30 Bienenstöcke bekommen, mit 18 Jahren hatte er 300 Bienenstöcke und machte daraus zehn Tonnen Honig. Er verkaufte den Honig und machte daraus ziemlich viel Geld. Wir sind gemeinsam nach Indien und hatten den verrückten Traum, einen Urwald zu kaufen mit Elefanten und Affen. Vielleicht etwas naiv, waren wir doch bis dato noch nie außerhalb von Bayern unterwegs gewesen aber es war eben unser Traum. So sind wir in das bis dato fremde Land und mein Freund hat dort seinen Traum realisiert, in dem er in Indien von dem Honiggeld einen Wald gekauft hat. Er hat den Wald mit einer naturnahen Forstwirtschaft betrieben und mit dem geistigen Anspruch, der Natur mehr zurück zu geben, als ihr zu nehmen. Das geht über das gewöhnliche Prinzip der Nachhaltigkeit hinaus, denn hier gibt man der Natur genau das zurück, was man ihr entnimmt.


Nach Jahren bin ich dann wieder nach Deutschland zurück, wohingegen mein Freund in Indien eine Familie gegründet hat und dort geblieben ist. Trotzdem blieben wir in engem Kontakt. Als seine Kinder in ein schulpflichtiges Alter kamen, benötigte er Geld, doch er alleine konnte durch den Ertrag seines Urwalds nicht genug erwirtschaften. Daher wollte ich meinem Freund helfen. Wir haben darüber gesprochen, was in seinem Wald neben Mangos und Papayas weiteres wächst. Als wir schließlich auf Kaffee kamen, war die Sache für uns klar: Gemeinsam mit weiteren Freunden habe ich in Wiesbaden ein Café eröffnet, bei dem wir fair gehandelten Kaffee aus Indien verkaufen Der eigentliche Sinn dahinter war jedoch für mich, dass mein Freund und seine Familie keine Geldsorgen hat. Heute ist daraus ein großes System gewachsen – wir helfen mittlerweile der ganzen Schule in Indien aber mein Antrieb war eigentlich nur, meinem Freund zu helfen, damit er seine Kinder zur Schule schicken kann. Ehrlich gesagt war mir damals gar nicht bewusst, was wir tun – ich wusste nicht, dass wir die Anfänger von Direkthandel sind. Wir haben mit Perfect day gemeinsam mit einem Partner im Jahr 2004 Pionierarbeit geleistet.

Infobox: Sozialunternehmen

Ein Sozialunternehmen unterscheidet sich von üblichen Unternehmen in der Regel durch zwei Punkte. Der Zweck des Unternehmens ist ausschließlich auf die Lösung relevanter sozialer Probleme ausgerichtet. Außerdem verzichten die Investoren auf spekulative Gewinne und reinvestieren alle Gewinne erneut ins Unternehmen

xStarters: Was ist für dich eine soziale Innovation?

Hans Reitz: Ich würde sozial und Innovation so übersetzen, als das es eine Gemeinschaftserneuerung darstellt. Wir brauchen neue Gemeinschaften und ich bin der Überzeugung, dass aus freien Gemeinschaften eine freie Gesellschaft entsteht.
 

xStarters: Welche Bedeutung haben deiner Meinung nach gerade junge Menschen bei der Gründung eines Social Businesses bzw. bei der Realisierung sozialer Innovationen?

Hans Reitz: Wir nehmen heutzutage Menschen in diesem Alter leider viel zu selten ernst. Das ist ein Fehler! Ich denke, dass gerade im Alter von 14 bis 19 die kreativste, leistungsfähigste und schönste Zeit des Lebens stattfindet. Auch, wenn ihr es in diesem Moment nicht so wahrnehmt. Es ist die Zeit, in der das Gehirn am besten funktioniert und der Wunsch nach einem Ideal am größten ist. Idealisten verändern die Welt. Deswegen bin ich mir zu 100% sicher, dass die Generation, die sich auch durch die xStarters Challenge angesprochen fühlt, etwas Neues zu machen, die Generation ist, die das Unmögliche möglich machen können.

Hans Reitz:

"Ich denke, dass gerade im Alter von 14 bis 19 die kreativste, leistungsfähigste und schönste Zeit des Lebens stattfindet. Auch, wenn ihr es in diesem Moment nicht so wahrnehmt. Es ist die Zeit, in der das Gehirn am besten funktioniert und der Wunsch nach einem Ideal am größten ist."

xStarters: Was ist deine tägliche Motivation?


Hans Reitz: Ich liebe das Leben und das Sein. Und ich wache jeden Tag auf und glaube fest daran, dass die Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen, wie zum Beispiel die Umweltverschmutzung, lösbar sind. Ich glaube, dass jeder Fluss auf der Welt, ob Ganges, Nil oder Donau, sauber sein kann und ich bin selbst an einem Fluss groß geworden, der dreckig war und meine Kinder konnten Jahre später schließlich darin schwimmen. Auch ich träume nach wie vor und glaube fest daran, dass alles möglich ist.
 

xStarters: Was rätst du gerade jungen Menschen im Hinblick auf ihr soziales Engagement?

Hans Reitz: Grundsätzlich würde ich euch allen raten: Leb dein Leben – denn du hast nur dieses eine und es ist deines: Du bist einzigartig und wunderbar, verfolg dein Ideal und deinem Herzen. Es ist deine einzigartige Zeit – so jung wirst du nie wieder sein! Und wenn es mal schwierig wird, dann denk daran: Bäume, die keinen Wind bekommen, gehen ein, weil sie keine Wurzelstärke entwickeln. Damit möchte ich sagen: Widerstand ist super! Schwierigkeiten zu überwinden, macht stark! Also lass dich nicht knicken und mach dein Ding und mach das, was du gerne sein möchtest; und zwar kompromisslos.
Leonie & Hans Reitz

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