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Interview

Johanna Schäfer, Sozialunternehmerin und Gründerin des BonnLAB

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Leonie Matt | 11.09.2018

Wie merke ich, dass ich mich für die Gesellschaft engagieren möchte? Muss dafür erst ein bestimmtes Alter erreicht sein? Oder kann ich mich auch schon mit meinen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten sozial engagieren? Über Themen wie diese haben wir mit Johanna aus Bonn gesprochen - sie gründete vor ein paar Jahren nach ihrem Bachelor das BonnLAB und ist seither Sozialunternehmerin. Was das bedeutet und wann Johanna wusste, dass sie sich sozial engagieren möchte, das und mehr erfahrt ihr im Interview mit der jungen Gründerin.

xStarters: Hi Johanna! Erzähl uns zu Beginn doch einmal ein bisschen was zu dir.
Johanna: Ich komme aus Bonn, bin 26 Jahre alt und habe Architektur an einer Hochschule für Kunst und Gesellschaft studiert. In meiner Bachelorarbeit habe ich ein Kulturquartier für die Stadt Bonn entwickelt. Ich habe festgestellt, dass es Räume braucht, in denen sich Menschen begegnen können, um Projekte zur Stadtentwicklung zu verwirklichen. So ist die Idee des Stadtlabors, dem BonnLAB, geboren und ich bin zur Sozialunternehmerin geworden. Eigentlich eher nebenbei habe ich festgestellt, dass das was ich tue, eine soziale Innovation ist. Zudem bin ich lokalaktivistisch unterwegs und als Kommunikatorin. Alles, was ich mache, alles, was mir wichtig ist, kommuniziere ich – in dem Fall meistens auf Social Media, weil ich dort viele Leute erreichen und ihnen Mut machen kann auch ihren eigenen Weg zu gehen, bzw. ihn gemeinsam mit Gleichgesinnten zu gehen. Kurzgesagt gehören zu mir vier Komponenten: Architektur, Sozialunternehmertum, lokale Aktivitäten und Kommunikation.
 
xStarters: Zwischen Bonn und den Fidschi-Inseln liegen bekanntlich ein paar tausend Kilometer – wie kam es zu eurer Initiative #BonnFiji?
Johanna: Die Inselgruppe Fidschi ist tatsächlich fast genau auf der anderen Seite der Erde. 2017 hatte das Land die Präsidentschaft für die Weltklimakonferenz. Da jedoch die Inseln für den Rest der Welt schlecht zu erreichen sind und zudem versucht wird, CO2-Emissionen einzusparen, wurde entschieden, die Weltklimakonferenz im November 2017 unter der Präsidentschaft von Fidschi in Bonn, dem Hauptsitz des UN Klimasekretariats, zu veranstalten.
Ich habe mir im Vorfeld überlegt: Wie kann ich Bonner und Menschen von den Fidschi Inseln  zusammenbringen und eine Interaktion fördern? Die erste Aktion, die wir dann angegangen sind, war das „private Hosting“, das bedeutet, dass Menschen aus der ganze Welt während der Zeit der Klimakonferenz bei Menschen in Bonn gewohnt haben. Nachdem die Stadt Bonn das Projekt übernommen hat, konnten 600 Leute kostenfrei in Bonner Haushalten untergebracht werden und wir haben uns an das nächste Projekt gewagt: Anders als in unserer westlichen, komfortablen Welt, kriegen die Menschen aus Fidschi die teils dramatischen Folgen des Klimawandels bereits unmittelbar zu spüren. Daher war das Ziel, die Sensibilität und das Bewusstsein dafür zu schaffen. Hierbei haben wir uns an den Vorteilen der Sozialen Medien bedient und über Twitter verschiedene Aktivisten aus aller Welt vor, während und nach der Weltklimakonferenz dazu aufgefordert, über ihre Aktionen zu tweeten. Diese erreichten dank unserer Kanäle mit ihren Themen viele Menschen.

 

 

xStarters: Wie ging es nach der Konferenz mit BonnFiji weiter?
Johanna: Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, in dem viele, gerade junge, Initiativen mit spannenden Projekten agieren. Die Projekte bewegen sich alle im Rahmen der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs auf Englisch). Um zu wachsen braucht es Unternehmen, die hinter den Ideen stehen und diese unterstützen. BonnFiji ist eine Bewegung, die seit der Weltklimakonferenz immer mehr Institutionen dazu bewegt, sich mit den 17 „Global Goals“ zu befassen.
xStarters: Wie setzt ihr die Sustainable Development Goals bei BonnFiji um?
Johanna: Wir versuchen bei BonnFiji, die 17 Ziele als Leitmotiv zu betrachten und die Interpretation der einzelnen Ziele den einzelnen beteiligten Organisationen und Institutionen zu überlassen. Die Frage ist: Was macht jeder einzelne Akteur in der eigenen Umgebung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln aus den Zielen? Dadurch, dass die Ziele auf einem niedrigeren Level betrachtet werden, sind sie greifbarer und damit auch leichter umzusetzen. Unser Standort Bonn ist für unser Vorhaben besonders gut geeignet, weil hier auch die SDG Action Campaign der UN angesiedelt ist.
xStarters: Erklär uns bitte einmal, was genau im BonnLAB passiert.
Johanna: Das BonnLAB kann man sich vorstellen als ein öffentliches Wohnzimmer, in dem sich begegnet werden kann. Zum einen arbeiten hier verschiedene Leute an ihren Projekten – man nennt das Co-Working. Außerdem kann der Raum gebucht werden: Für Meetups oder Workshops, aber auch für einzelne Treffen von Privatpersonen. In all diesen Fällen treffen Menschen aufeinander und es entsteht ein Austausch. Grundsätzlich versuche ich, das Gespräch anzuregen, wie wir in Zukunft zusammen leben können, wie wir unsere Zukunft auch aktiv mitgestalten können. Dabei orientiere ich mich an dem Motto: „Think global, act local“, d.h. ich gucke, was gerade weltweit passiert und bringe das dann in meine Stadt und versuche hier, die Leute zu mobilisieren sich aktiv einzubringen.
xStarters: Was gab es bereits für coole Veranstaltungen oder Begegnungen?
Johanna: In den zwei Jahren, die ich das BonnLAB nun schon betreibe, sind wahnsinnig viele Dinge entstanden – das LAB ist mittlerweile sogar ein Vorbild für andere Orte in Bonn. Mir ist wichtig, dass sofort etwas passiert. Klar, das geht nicht immer aber oftmals wird viel zu viel geredet und zu wenig gemacht. Hier im BonnLAB haben wir eine Foodsharing-Station, zu der die sogenannten „Foodsaver“ Lebensmittel bringen, die zwar noch gut sind aber im Handel weggeworfen werden würden. Außerdem haben wir eine Give-and-Take Box eingerichtet, in die von den Bonnern viele Bücher, Bekleidung oder Dekoration verschenkt wird. Das ist ein Beitrag zur Sharing Economy und so kann man den Menschen in der eigenen Umgebung unmittelbar helfen.  
xStarters: Wusstest du denn schon immer, dass du etwas machen möchtest, das die Gesellschaft voranbringt?
Johanna: Dass ich so etwas machen möchte, weiß ich unterbewusst schon sehr lange. Wenn das Thema in der Schule gefördert worden wäre, hätte ich vermutlich schon viel früher damit angefangen. Erst als ich an der Hochschule studiert habe, wusste ich jedoch, dass das wirklich geht: dass ich auch mit einem sozialen Thema Geld verdienen kann. Als mir das bewusst wurde, war es mein klares Ziel und ich wollte nichts anderes mehr machen.
xStarters: Du hättest ja auch Architektin werden können; in einem festen Job, mit einem sicheren Gehalt. Was hat dich zu der Selbständigkeit bewogen? 
Johanna: Ich hatte bereits Einblicke in die Branche und den klassischen Beruf als Architektin. Aber ich habe gemerkt, dass meine neuen Denkansätze nicht zum aktuellen Wirtschaftssystem passen und dass ich mich erst selbst für den Wandel kreativ einsetzen muss, um innovativen Geschäftsmodellen einen Weg zu bereiten. Ich habe parallel zu einer damals noch festen Einnahme angefangen, das BonnLAB aufzubauen. Schon vorher habe ich festgestellt, dass die Baubranche aktuell noch in alten Mustern feststeckt,  die nicht förderlich für unsere Umwelt oder die Bevölkerung sind und mit denen ich mich nicht anfreunden kann. Mich hat es motiviert, etwas zu machen, was ich mit meinen Werten vereinbaren kann – und dazu gehört für mich definitiv das Thema Nachhaltigkeit.   
xStarters: Bei xStarters geht es um digitale soziale Innovationen. Du bist eine junge, engagierte Sozialunternehmerin. Was bedeutet für dich persönlich soziale Innovation?
Johanna: Eine soziale Innovation ist für mich etwas gesellschaftsveränderndes, experimentelles, das versucht, nachhaltig zu sein. Das Ziel ist das Gemeinwohl und nicht der Profit. Man kann auch sagen, dass man anhand einer sozialen Innovation eine gesellschaftliche Vision erreichen möchte. Eine (soziale) Innovation ist das Resultat, wenn man eine (gesellschaftliche) Problemstellung analysiert und sie mittels einer Prozessoptimierung, die ein hohes gesellschaftliches Zukunftspotenzial aufweist, löst.
xStarters: Was möchtest du jemandem raten, der sich mit sozialen Themen beschäftigen will?
Johanna: Wichtig ist zu verstehen, dass das Leben ein Prozess ist, der sich ständig weiterentwickelt. Man sollte ehrlich mit sich selbst sein. Damit meine ich, dass du dich zuerst fragen solltest: Was ist mir wichtig und was ist mir weniger wichtig in meinem Leben? Dadurch erhältst du ein besseres Verständnis davon, was du machen möchtest. Danach empfehle ich dir, deiner Intuition zu folgen. Und last but not least: Sei mutig und marschier los!
In der Schulzeit fehlt oft leider der Raum und die Zeit, um sich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen, die zudem in einem ständigen Wandel sind, auseinanderzusetzen. Wer sich einbringen mag und gesellschaftlich mehr Verantwortung übernehmen möchte, dem rate ich, sich intensiver mit den 17 Nachhaltigkeitszielen zu befassen. Man kann sich zum Beispiel ein oder zwei, die man besonders interessant findet, heraussuchen, hierzu recherchieren und überlegen, was dies für einen selbst und sein Umfeld bedeutet. Daraus entwickelt man eine persönliche Zukunftsperspektive und macht sich bewusst welche Lücke man zu überbrücken hat, um zu dieser Zukunftsvision zu gelangen. Wenn das Interesse groß genug ist, kann man beginnen am Erschaffen einer sozialen Innovation, einer Lösung für das identifizierte Problem, zu arbeiten.
Vielen Dank für das Gespräch, liebe Johanna!

Infobox: 17 Sustainable Development Goals (SDGs) / 17 Nachhaltigkeitsziele

 
Die Sustainable Development Goals, auch bekannt als Global Goals, sind insgesamt 17 Ziele, die von den United Nations festgelegt wurden. Sie sind im Jahr 2016 in allen 193 UN-Mitgliedsstaaten in Kraft getreten und sollen bis 2030 in all diesen Ländern umgesetzt werden. In den nächsten 15 Jahren sollen mit Hilfe dieser Ziele alle Formen von Armut, Ungleichheit und der Klimawandel bekämpft werden. Das Besondere an den SDGs ist, dass sie sich an jedes einzelne Land richten, ob arm oder reich. Sie vereinen Strategien zum Ausbau von Wirtschaftswachstum, die sich an eine Reihe sozialer Bedürfnisse, wie Bildung, Gesundheit, Sicherheit und Job Möglichkeiten richten und gleichzeitig den Klimawandel und Umweltschutz im Blick behalten.

Fotos: Ronnie Bugay

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