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Interview

Joachim Franz, Social Business Unternehmer

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Leonie Matt | 19.11.2018

 

Unzufrieden in einem Job, der keine Erfüllung brachte, stand Joachim Franz vor dem Spiegel, als ihn die Erkenntnis wie ein Schlag traf: Es muss sich etwas ändern. Von einem auf den anderen Tag krempelte der Wolfsburger sein Leben um, wurde Extremsportler und bereiste auf verschiedenen Expeditionen die Welt – zuerst, um sich selbst zu beweisen: Ich kann alles schaffen! Später, um auf soziale Themen wie HIV und Aids aufmerksam zu machen und sein Wirken für Schwächere einzusetzen. Wir haben Joachim Franz getroffen und mit ihm über seinen spannenden Lebensweg gesprochen, über seine Meinung zu Innovationen und darüber, was es braucht, die Welt ein bisschen besser zu machen.

 

 

 

xStarters: Du bist Coach zur Persönlichkeitsentwicklung für Unternehmen und Einzelpersonen, Speaker, Sozialunternehmer – vor einigen Jahren warst du Montagewerker. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

JF: Ich hatte erst den klassischen Null-Bock-Weg eingeschlagen: In der Schule kein Bock. Ausbildung? Keine Ahnung! Mein Vater hat mir dann vorgeschlagen, Werkzeugmacher zu lernen. Und ich so: Joa ok, mache ich das eben. Wenn ich Vorträge an Schulen halte, stelle ich übrigens auch heute fest, dass es vielen Schülern so ergeht. Doch dann, mit 30, stand ich vor dem Spiegel und habe realisiert: So kann es nicht weitergehen und: Ich selbst bin für mein Leben verantwortlich. Ab da habe ich Vollgas gegeben und mein Leben praktisch umgekrempelt.

Ich habe den Sport genommen, um mich darin zu finden. Das war für mich der richtige Weg: Bereits nach drei Monaten bin ich einen Marathon gelaufen. Ich habe gemerkt: Wenn du für etwas brennst, dann kannst du – egal was es ist – alles erreichen. Ich bin zehn Jahre durch die Welt gezogen und habe – verbunden mit dem Extremsport – alles ausprobiert, nichts ausgelassen. Plötzlich kamen Medien auf mich zu, die mich begleiten wollten und für die es interessant war, was ich gemacht habe.

Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass jeder anders ist und man sich nur trauen muss, es zuzulassen: Die gesamte Macht liegt im Anderssein!

xStarters: Was denkst du über das Thema Scheitern?

JF: Scheitern ist nicht final – wenn etwas nicht funktioniert, überleg, was du anders machen kannst und probiere es nochmal! Ich wusste am Anfang vielleicht nicht zu 100 Prozent, was ich ändern wollte – ich wusste nur, dass sich etwas ändern muss!

Joachim Franz über Scheitern

 

"Scheitern ist nicht final – wenn etwas nicht funktioniert, überleg, was du anders machen kannst und probiere es nochmal! Ich wusste am Anfang vielleicht nicht zu 100 Prozent, was ich ändern wollte – ich wusste nur, dass sich etwas ändern muss!"

 

 

 

 

xStarters: Es klingt so, als hätte dich in dieser Zeit auch sehr der Trotz motiviert? Glaubst du, Trotz ist eine Vorstufe von Mut?

JF: Wie entsteht eigentlich Mut? Klar, wir können es von anderen fordern und das machen wir auch oft aber wo soll der Mut herkommen? Der erste Schritt ist zu wissen, wovor man Angst hat in seinem Leben. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man die Ängste sortieren: Es gibt die, die dich beschützen und solche, die dich eigentlich grundlos aufhalten. Wenn die Angst klein genug ist, kann der Mut über die Angst steigen. Aber der Mut muss erst einmal wachsen. Die logische Konsequenz daraus: Nur wer Angst hat, kann auch Mut haben.

xStarters: Wie kam es, dass du etwas für andere Menschen tun wolltest?

JF: Das ist eigentlich eine Geschichte, die – wie so oft – dem Zufall zu verdanken ist. Ich hatte eine große dreiwöchige Tour geplant, bei der ich mit dem Fahrrad ans Nordkap fahren wollte – aufgrund der Distanz musste ich täglich 250 Kilometer bewältigen. Auch dafür interessierte sich dann wieder die Presse: Ich wurde gefragt: Warum fährt man 6.400 Kilometer Fahrrad? Aber ich hatte keinen Grund, außer, dass ich es einfach schön fand. Ich suchte also nach einem Sinn für mein Handeln und las damals einen Artikel über Artists for Nature, bei der unter anderem der Sänger Sting Geld sammelte, um den Regenwald aufzukaufen und damit zu schützen. Ich fand das super, habe Kontakt aufgenommen und mich beteiligt. Schließlich habe ich es geschafft, im Rahmen der Expedition über 20.000 D-Mark zu sammeln, um den Regenwald zu schützen.

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xStarters: Was bedeutet für dich das Wort Innovation? Was war das innovativste, das du in deinem Leben gemacht hast?

JF: Grundsätzlich ist alles innovativ, was sich von einem Ist-Zustand abhebt. Die für mich wichtigste Innovation war, nicht mehr Sport zu machen und etwas Gutes zu tun, sondern etwas Gutes zu tun und Sport zu machen – manchmal ist Innovation eben genau das: anders auf die Dinge zu schauen, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Ich möchte das Wort Innovationen nicht zu groß reden, um die Angst davor zu nehmen. Viele der größten Innovationen waren tatsächlich Abfallprodukte von anderen Ideen und sind zufällig entstanden. Oft genügt es, einfach logisch zu denken und dann kommt die Innovation von ganz alleine.

xStarters: Du arbeitest viel mit Kindern und Jugendlichen zusammen, bist häufig an Schulen. Warum?

JF: Schule kann und darf auch nicht alles leisten. Wir haben uns gefragt: Können wir etwas zum Bildungssystem beitragen? Der andere Gedanke war: In den vielen Jahren, die ich als Extremsportler in verschiedenen Projekten für das Gute unterwegs war, habe ich viel Wissen angesammelt. Ich finde, es sollte unser Job sein, dieses Wissen weiterzutragen. Ich möchte mein Wissen an junge Leute weitergeben, um ihnen in der sich immer stärker verändernden Welt zu helfen und mit ihnen gemeinsam an neuen Lösungen arbeiten. Vor 15 Jahren haben wir mit Vorträgen in Schulen angefangen. Heute gibt es eine große Plattform, die sich World Youth Expedition nennt und wo sich Jugendliche entwickeln dürfen und ihre eigenen Ideen kreieren. Jugendliche arbeiten auf dieser Plattform mit Trainern und Experten zusammen und erhalten Unterstützung bei der Umsetzung.

 

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xStarters: Was können Erwachsene von Jugendlichen lernen?

JF: Junge Menschen haben im Grunde einen viel größeren Lebensraum. Je älter man wird, desto kleiner wird dieser Lebensraum. Jugendliche sind sehr unbekümmert, wenn sie erst einmal verstanden haben, dass sie alle Möglichkeiten der Welt haben. So sind viele Erwachsene häufig nicht mehr eingestellt. Das Wichtigste ist, dass wir miteinander lernen – denn nur gemeinsam können wir die Probleme da draußen rocken! Ich stelle außerdem immer wieder fest: Jugendliche sind gnadenlos ehrlich.

xStarters: Was braucht es, wenn ich etwas verändern möchte?

JF: Es braucht Werte. Meine sind: Mut, Disziplin, Intelligenz, Menschlichkeit und Vertrauen. Mut steht immer am Anfang. Disziplin ist durchhalten, sich nicht aus der Bahn werfen lassen. Hinzu kommt Intelligenz – das sind die drei „harten“ Werte. Menschlichkeit und Vertrauen nenne ich die weichen Werte.

xStarters: Was wünschst du dir für eine Zukunft, wenn du alle Möglichkeiten hättest?

JF: Ich würde alles so machen, wie ich es gemacht habe und jetzt schon mache – nur wenn ich könnte, dann viel, viel mehr davon! Ich möchte gerne noch mehr Menschen erreichen.

 

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